Neues Projekt zu Städten und Ernährungswandel weltweit

Costco South Corea / Urban Farming Taiwan

“Es sind die Städte, in denen Fehlentwicklungen und Probleme wie durch ein Brennglas sichtbar werden. Deshalb gilt es, Städte als Treiber nachhaltiger Entwicklung national und international handlungsfähig zu machen.”
Peter Altmaier am 30. März 2015, zit. in: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, 2015, S. 155.

Seit dem 1. Juli 2019 steht das Thema „Ernährung in den Städten der Welt - Problemverschärfung oder Motor für nachhaltige Entwicklung?“ im Mittelpunkt der Arbeit von foodjustice. Dazu wird im Herbst zunächst ein Factsheet erscheinen, das einen Überblick über die Ernährung in den Städten weltweit gibt und diskutiert, wie sie Probleme verschärfen und zugleich Lösungen bieten.

Bisher geplant für 2019:

Zum Hintergrund:
Bis 2050 werden schätzungsweise zwei Drittel der Menschheit in Städten leben. Dabei sind es vor allem urbane Zentren im Globalen Süden, die wachsen werden. Mit diesem Wachstum gehen viele Probleme einher: die Städte sind sozial segregiert, die ärmeren Bewohner_innen haben keinen Zugang zu Infrastruktur, sozialer Sicherung und Gesundheitsversorgung, die Kriminalität ist hoch und der Verkehr chaotisch. Zudem ändern Menschen, die in die Stadt ziehen, ihre Ernährungsgewohnheiten. Führt die industrielle Produktion von Lebensmittel auf der einen Seite dazu, dass Landwirt_innen in die Städte ziehen, so werden sie dort auf der anderen Seite zu Konsument_innen eben der Produkte, deren Herstellung ihren Umzug hervorgerufen hat. Sie gehen mehr in Supermärkte, essen öfter an Imbissbuden oder in Fast Food-Restaurants, kaufen mehr Fertiggerichte und kochen seltener. Da sie im Zuge dieses Wandels mehr Zucker, Salz und ungesunde Fette zu sich nehmen, breiten sich Diabetes Typ II sowie Herz-Kreislaufkrankheiten und Krebs immer schneller aus. Besonders im Globalen Süden verlief dieser Wandel in den letzten Jahrzehnten entsprechend der rasanten Urbanisierung sehr schnell.

Dennoch gibt es gerade im Globalen Süden zahlreiche Beispiele, wie Nachhaltigkeit im Kontext von Urbanisierung und Ernährung zusammen umgesetzt werden kann. Die UN thematisierten die Herausforderungen, die die zunehmende Konzentration menschlicher Probleme im urbanen Raum darstellen, 2016 auf der 3. UN-Habitat-Konferenz in Quito. Als Ergebnis publizierten sie die New Urban Agenda. Die Autor_innen der Agenda benennen die nachhaltigen Entwicklungsziele als verbindlichen Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung in den Städten unter Einbeziehung aller wichtigen Akteure auf internationaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene. In dem Text bezeichnen die Autor_innen Städte als potenzielle „Motoren für nachhaltige Entwicklung“. Damit diese „Motoren“ als solche funktionieren können, nennen die Autor_innen verschiedene besonders wichtige Bereiche. So fordern sie die Nutzung der Synergieeffekten von Städten und den sie umgebenden ländlichen Räumen. Wird eine Stadt aus ihrem Umland versorgt, verkürzen sich die Transportwege. Weniger CO2 wird freigesetzt und weniger Nahrungsmittel werden verschwendet. Ein weiterer Punkt ist die besondere Berücksichtigung der Bedürfnisse verletzlicher Gruppen wie Frauen und Indigener. Gerade ärmere Menschen in den Städten des Globalen Südens produzieren viele Lebensmittel. Forscher_innen der Arizona State University und Google schätzen, dass Städte weltweit 100 bis 180 Tonnen Nahrungsmittel produzieren könnten. Die Biodiversität in Städten ist mancherorts höher als auf dem Land, wo sich Monokulturen etabliert haben.

Die Bundesregierung betont in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie den Vorrang der Ernährungssicherung der lokalen Bevölkerung. Wissen um die globalen Zusammenhänge des Konsums und lokale Alternativen können Lösungen für Probleme des Globalen Nordens sowie des Globalen Südens sein. Wenn Menschen im Globalen Norden lokale Feldfrüchte konsumieren, schonen sie damit die Umwelt und verkleinern die Nachfrage nach Anbaupflanzen, die in den Herkunftsländern Schaden anrichten. Durch politisches und gesellschaftliches Engagement können Menschen im Globalen Norden  dazu beitragen, dass im Globalen Süden alternative Projekte in den Städten und in deren Umland gefördert werden, die Menschen eine selbstbestimmte, gesunde Ernährung ermöglichen.